29.07.2014

In eigener Sache: ISIS-Video-Propaganda ("Weltspiegel"-Beitrag)

Vor genau einer Woche war ich in Stuttgart, um beim dortigen SWR mit und für Auslandsredakteur Stefan Maier einen Beitrag für den ARD-"Weltspiegel" zum ISIS-Propagandavideo "Klirrende Schwerter 4" (Saleel al-Sawarim) aufzunehmen, das nicht zuletzt wegen seiner "technischen" Qualität besonderes Aufsehen erregt hat.



Vermittelt hat den Kontakt Frau Prof. Dr. Marschall von der Uni Tübingen, meine "Doktormutter", und so schaute ich mir das knapp einstündige (Mach-)Werk nochmals an, dem man eine gewisse Faszinationskraft und "Coolness" nicht absprechen kann: Die Drohnenrundumsicht über Falludscha, die Drive-by-Shootings. Manches Bildmaterial ist nicht neu, aber die Qualität, die die ISIS-Medienabteilung al-Furqan vorlegt, ist auf dem HD-Stand, wie man ihn freilich dank der enorm günstigen und leicht zugänglich wie bedienbaren Technik (Kamera, Schnittprogramme, oder eben die Drohne, wohl eine Parrot AR - für 300 Euro im Elektromarkt zu haben) nachgerade erwarten kann.

"Klirrende Schwerter" selbst können Sie sich in voller Länge und mit deutschen Untertiteln HIER ansehen, wobei ich mich trotz (oder gerade durch) Verlinkung von dem Video, seinem Inhalt und seinen Botschaften distanziere! Gleichwohl ist es ein wichtiges medienwissenschaftlich lohnenswertes Artefakt, das als solches - also nicht zuletzt kritisch-reflektiert - betrachtet werden sollte. Seien Sie außerdem gewarnt, manchen dürften einige Szenen verstören oder schockieren. Grässlich "Höhepunkt" dahingehend etwa: eine Enthauptung. Die Tat wird aber nur kurz gezeigt (das festgesetzte Opfer wird in seinem Schlafzimmer überwältigt), ebenso das Ergebnis. al-Furqan weiß bei diesem Video halbwegs, wieweit man gehen kann - da sind andere, weniger professionellere Streifen unerträglicher, vor allem weil noch zynischer, entwürdigender im Ausstellen der Opfer.

In Stuttgart wurde ich am vergangenen Dienstag in einem Abnahmeraum in unglaublich angenehmer Atmosphäre (Dank nochmals an Herrn Maier u. das ganze Team) zu dem Film, seiner Ästhetik und (möglichen) Wirkung bzw. Adressierung befragt. Das Ergebnis, den "Weltspiegel"-Beitrag "ISIS: Terror und Brutalität professionell inszeniert im Internet" (ausgestrahlt am 27.7.), können sie (noch) HIER in der ARD-Mediathek sehen (inkl. Textfassung).

Noch ein zwei Punkte zum Thema selbst:

Punkt 1:
Der Vergleich mit Hollywood, an dem sich ISIS angeblich orientieren, dem sie nacheifern, ein Vergleich und eine Bezugsverbindung, die etwa CNN aufmacht, sie halte ich für übertrieben und zugleich problematisch vereinfachend. Erstens ist „Klirrende Schwerter“ bei allen ästhetischen Finessen dann doch nicht so stilistisch "gut", sind die Unterschiede zum klassischen Hollywood-Erzählen zu groß, als dass man solchen spektakulären Gleichsetzungen folgen sollte.

Zweitens orientiert sich auch Hollywood und seine Filmemacher ja nun weitgehend an jenen Bildern, die ihnen die Krisen- u. Konflikt-„Wirklichkeit“ (bzw. Kameras vor Ort u. Medienstellen) liefern. Wenn sich „Klirrende Schwerter“ etwa optisch an Kathryn-Bigelow-Filmen wie THE HURT LOCKER oder ZERO DARK THIRTY orientierte (als müssten sich die Propagandisten am westlichen Unterhaltungskino schulen), dann übersieht das, dass diese Filme selbst wiederum sich eng an den (auch audiovisuellen) ihrer Sujet-Vorlagen orientierte, um möglichst authentisch nicht nur zu sein, sondern auch zu wirken.

So ist letztlich die Frage nach Henne und Ei, nach Vor- und Nachbild, nicht zuletzt deshalb unsinnig, weil – drittens – als Mittlerstelle zwischen Propaganda und Entertainment das Dokumentaristische / Dokumentierende, das Reportagehafte mit seinem jeweiligen Modus und Duktus mitzubedenken ist und – viertens – letztendlich alle drei „Gattungsformen“, zusammen mit Musikvideos, Computerspielen etc. (die sich ebenso gut wie „Hollywood“ in „Klirrende Schwerter“ wiederfinden oder entdecken lassen), sich zurückführen lassen auf übergreifende, bisweilen universelle Strategien und Praxen (film-)bildrhetorischer Art, relativ ungebundene Mittel und Methoden der Affizierung, der Emotionalisierung, des Bewegens, des Einbezugs.

Punkt 2:
Dass ISIS seit Juni nur mehr IS heißt, also lediglich „Islamischer Staat“, statt „Islamischer Staat im Irak und in (Groß-)Syrien“, dieser Umstand war und ist Herrn Maier wie mir klar. Aber – darin sind wir einer Meinung –: Zum einen muss man nicht je Umetikettierung von gerade solchen Gruppen mitmachen, zum andern ist „ISIS“ etablier(ter), klingt und spricht sich besser als ein bloßes „IS“.

Bei allem kritikwürdigen Erfolg in Sachen Selbstvermarktung (und was können sich Jihadisten dahingehend mehr wünschen als einen CNN-Beitrag über ihren Film?): Ihre Eigenbenamung war propagandatechnisch dann eher eine Rückschritt. (Soviel Ironie oder Sarkasmus darf u. muss hier vielleicht angesichts derartiger Filme und Gewalttaten "dahinter" sein.)

zyw          

17.07.2014

CfP: 2. Fachtagung u. 15. Workshop des NTF

Zum vierzehnten Mal veranstaltet das Netzwerk Terrorismusforschung seinen Workshop, der zum zweiten Mal mit einer Fachtagung verbunden ist. Ersteres gibt vor allem NachwuchswissenschaftlerInnen Gelegenheit, die sich unanbhänging von der disziplinären Ausrichtung mit Terrorismus und politischer Gewalt wissenschaftlich befassen, ihre Projekte oder Ideen vorzustellen. Die Fachtagung wiederum präsentiert namenhafte Experten auf dem Feld der Terrorismusforschung und -bekämpfung mit Vorträgen und Diskussionen.

Besonderheit der 2. Fachtagung und des gekoppelten 15. Workshops ist die enge Kooperation des NTF e.V. mit dem Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK), was neben der Inter- oder Transdiziplinarität des Netzwerks auch das Interesse an der Verknüpfung von Theorie und (hier besonders: polizeilichen) Praxis betont. Entsprechend ist das Schwerpunktthema "Aktuelle Dimensionen der Terrorismusforschung: Entwicklungsformen und Grenzbereiche von Terrorismus und anderen Kriminalitätsphänomenen". Natürlich aber können wie sonst auch für den Workshop abweichende Vortragsthemenvorschläge eingereicht werden.

Die Veranstaltung, die neben dem BDK auch von der Konrad-Adenauer-Stiftung veranstaltet wird, findet vom 15. bis 17. Okt. 2014 in Wesseling bei Köln statt. Für den Workshop am 16. u. 17. sucht das NTF noch Beiträge, die Deadline dafür ist der 31. August.

Den gesamten Call for Paper finden Sie im Folgenden und HIER als PDF direkt von der Website des NTF.



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Call for Papers

2. Fachtagung und 15. Workshop von Netzwerk Terrorismusforschung (NTF) und Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK)


Schwerpunktthema:
Aktuelle Dimensionen der Terrorismusforschung: Entwicklungsformen und Grenzbereiche von Terrorismus und anderen Kriminalitätsphänomenen

Ort und Zeit:
Die 2. Fachtagung und der 15. Workshop des Netzwerks Terrorismusforschung finden in enger Kooperation mit dem Bund Deutscher Kriminalbeamter und der Konrad-Adenauer-Stiftung vom 15. bis 17. Oktober 2014 in Wesseling bei Köln statt.

Für den 16. und 17. Oktober werden hiermit Workshop-Beiträge gesucht.
 

Zum Thema:
Terrorismus ist weder ein neues, noch ein statisches Phänomen. Im Gegenteil: Terrorismus und Extremismus befinden sich in stetigem, teilweise rasantem Wandel, was Begriffsbestimmungen und Grenzziehungen nicht immer leicht macht. Werden die gängigen Definitionen dem gegenwärtigen Stand und der absehbaren Entwicklung überhaupt noch gerecht? Welche Rolle spielen beispielsweise Organisierte Kriminalität und Kriegsverbrechen? Wo gibt es Symbiosen mit anderen Deliktsfeldern? Gibt es Sonderfälle von Terrorismus, die sich den bisherigen Definitionen und Grenzen entziehen? Und was bedeutet dies alles für Wissenschaft, Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben auf nationaler und internationaler Ebene?

Die Fachtagung und der Workshop des Netzwerks Terrorismusforschung bieten die Möglichkeit, auf gewohnt disziplinübergreifender Ebene die Veränderungen von Terrorismus und seine Verbindungen mit anderen Kriminalitätsphänomenen auszuloten. Zur Betonung und Vertiefung der Transdisziplinarität findet die Veranstaltung zusammen mit dem Bund Deutscher Kriminalbeamter und mit Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung statt.

Dabei ist der Workshop (16. und 17. Oktober) natürlich wie immer nicht nur auf den genannten Themenbereich beschränkt, sondern soll auch Raum für andere terrorismusbezogene Vorträge und Diskussionen bieten. Insbesondere Promovierende laden wir ein, ihre Projekte in diesem Rahmen vorzustellen.

Beiträge und Deadline:
Die Beiträge sollten einem Vortrag von ca. 30 Minuten Länge entsprechen. Im Anschluss ist jeweils eine Diskussion von maximal 30 Minuten Länge vorgesehen. Abstracts (ca. 500 Wörter) senden Sie bitte bis zum 31. August 2014 an stephan.humer(at)netzwerk-terrorismusforschung.org

Eine Tagungsteilnahme ohne eigenen Vortrag ist möglich, jedoch nicht kostenlos. Über die voraussichtlichen Kosten und die Buchungsbedingungen werden Sie zeitnah sowohl auf der Website des NTF als auch auf der Website des BDK informiert. Das Programm und weitere Informationen zum Workshop werden Anfang September bekanntgegeben.

Zum Netzwerk Terrorismusforschung:
Das Netzwerk Terrorismusforschung e.V. ist ein Zusammenschluss von knapp 500 WissenschaftlerInnen und ExpertInnen aus verschiedenen Disziplinen, die sich mit Fragen und Problemen des Themenbereichs Terrorismus und Terrorismusbekämpfung befassen. Es soll Kontakte schaffen und als Forum dienen für Ideen- und Informationsaustausch, zur Vorstellung von Projekten sowie deren gemeinsamer Initiierung, Planung und Realisierung. Das zentrale Werkzeug ist neben der Website und dem Mailverteiler der halbjährlich stattfindende Workshop sowie die seit 2013 in dessen Rahmen stattfindende Fachtagung. Hier können laufende wie abgeschlossene Arbeiten sowie Projekte präsentiert und diskutiert werden. Das Netzwerk Terrorismusforschung steht darüber hinaus Interessierten aus Medien, Verwaltung und Politik offen und bei Anfragen – z.B. für den Kontakt zu Experten bei spezifischen Fragen – zur Verfügung.

Kontakt:

Dr. Stephan G. Humer
Netzwerk Terrorismusforschung e.V.
stephan.humer(at)netzwerk-terrorismusforschung.org

http://www.netzwerk-terrorismusforschung.org


17.06.2014

TIPP: Buch zum NSU-Fall von Stefan Aust und Dirk Laabs



Man kann von Stefan Austs Der Baader-Meinhof-Komplex halten, was man will – das 1985 erstmals aufgelegte Buch fungiert als ein, wenn nicht gar als das Standardwerk zur RAF und ihrer Geschichte, zumindest, was die erste und zweite Generation anbelangt. Nun hat Ex-Spiegel-Chefredakteur Aust zusammen mit Dirk Laabs, Journalist und TV-Dokumentarist (u.a. DIE FREMDEN IM PARADIES - WARUM GOTTESKRIEGER TÖTEN; diesen Film von 2006 können Sie sich HIER auf Vimeo ansehen) ein Buch zum selbsternannten „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) der mutmaßlichen Täter Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe veröffentlicht. Heimatschutz – Der Staat und die Mordserie der NSU ist nicht das erste zu dem Thema, momentan mit über 800 Seiten wohl aber das umfangreichste.

Auf FAZ.NET hat Nils Minkmar das Buch besprochen und lobt es nicht zuletzt für die gebotenen Einblicke in die Gemengelage der verschiedenen Geheimdienste, die sich mit dem Rechtsextremismus und den Morden der NSU befassten oder hätten befassen sollen.

Eine der größten Leistungen dieses Buches ist es, auf die Lücken in der offiziellen Version hinzuweisen, ohne gleich mit neuen Theorien aufzuwarten“, so Minkmar, und:
„[E]s es bleibt eines der anklagenden Rätsel dieser Geschichte, wie drei gesuchte Menschen wohlig in der Republik wohnen, urlauben und feiern können, in einer – dies anschaulich zu machen ist eine der großen Leistungen des Buchs – von Spitzeln nur so durchsetzten Szene, ohne dass jemand davon erfahren konnte, wenn er es denn nur wollte.

Heimatschutz – Der Staat und die Mordserie der NSU ist im Münchner Pantheon Verlag erschienen (ISBN 978-3570552025) und kostet als in der Hardcover-Ausgabe 22,99 €, als Kindle Edition 18.99 €.

Einen weiteren Artikel von Claus Christian Malzahn auf welt.de zu dem Buch, das „trotz seiner Detailgenauigkeit vor allem die ‚unknowns‘“ präsentiert, finden Sie HIER.

zyw