23.02.2015

Zu den 9. Berliner Sicherheitsgesprächen und der 2. Fachtagung des Netzwerk Terrorismusforschung (4. & 5. Februar 2015)


Zwei hochkarätige Tage im Zeichen der Terrorismusforschung und -bekämpfung bot Berlin Anfang Februar. Die 9. Berliner Sicherheitsgespräche, die am 4. Februar 2015 vom Bund Deutscher Kriminalbeamten (BdK) und Exhibition & Marketing Wehrstedt GmbH veranstaltet wurden, standen unter dem Titel „Krieg und Terror im Namen Allahs – Auch in Deutschland?“ und noch unter dem Eindruck der Anschläge von Paris knapp einen Monat zuvor. In der vollbesetzen Landesvertretung Rheinland-Pfalz hielt neben der Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Schirrmacher, die besonders mit geschichtlichen Hintergründen das Thema erhellte, und dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland Aiman Mazyek Dr. Thomas de Maizière ein Impulsreferat, das für das größte Medieninteresse sorgte. Der Bundesinnenminister dankte den KriminalbeamtInnen und hob die Bedeutung ihrer Arbeit hervor, verwies in Sachen Terrorismus aber auch darauf, dass es „keine totale Sicherheit“ gäbe. Dies sei allerdings einzuordnen, etwa angesichts von Gewaltverbrechen, die trotz aller Sicherheitsmaßnahmen in der U-Bahn geschähen, ohne dass man auf die Nutzung für den Weg zur Arbeit verzichte. „Es gibt kein Leben ohne Kriminalität“(srisiko). Zweierlei sei aber Angesichts der Terrorbedrohung zu tun: Sorgfältiges Arbeiten der Sicherheitsbehörden und nicht in Panik verfallen, also den freiheitlichen Lebensstil aufzugeben. Was in Europa auch geschehe und geschehen sei angesichts Anschläge der vergangenen Zeit.

Bundesinnenminister de Maizière (Bild: BdK)

RAF-Terrorismus kam von innen, so de Maizière, war hausgemacht. Was den Jihadismus betreffe, seien es vor wenigen Jahren noch Gruppen von „außen“ gewesen, die als Gefährder einzustufen waren. Neu sei nun seit einigen Jahren oder Monaten, dass beides vorläge, eine radikalislamistische Bedrohung von innen und von außen. Wichtig sei Präventionsarbeit hinsichtlich des frühzeitigen Erkennens, ob und wann ein junger Mensch Gefahr laufe, in den Extremismus abzurutschen. De Maizière verwies zugleich auf die Relevanz des Drucks der staatlichen Exekutive, um etwa Anschläge in der Vorbereitungsphase zu verhindern. „Gesetzgeberisch und faktisch“ sei dafür die internationale Zusammenarbeit besonders hinsichtlich des Austauschs zwischen Polizeibehörden und Geheimdiensten von Informationen aus menschlichen wie elektronischen Quellen zentral. Auf legislativer Ebene müsse an den Außengrenzen des Schengen-Raumes jeder Beamte bei der Passkontrolle wissen, „wen er da vor sich hat“. Außerdem sprach sich der Bundesinnenminister für die Weitergabe von Fluggastdaten aus. Fachlich dringend geboten sei schließlich die Vorratsdatenspeicherung bzw. die verordnete Mindestspeicherfrist von Verbindungsdaten. Er kenne kaum einen Sicherheitsexperten, der das anders sehe, so de Maizière, der damit die nachdrückliche Forderung von BdK-Bundesvorsitzenden André Schulz aufgriff. Allerdings: „Nun ist es nicht so, dass, weil alle Sicherheitsexperten etwas fordern, man das auch machen muss“. Es sei abzuwägen, für Mehrheiten zu sorgen. Ein Pro-Argument sei aber schlicht, dass es für Geldbewegungen etwa im Kampf gegen Steuerbetrug oder Geldwäsche längst eine unstreitige Vorratsdatenspeicherung gebe – und dies ohne Richtervorbehalt und bei weniger gewichtigen Straftaten als denen des Terrorismus. Überdies erinnerte er an die allgemeine Freigiebigkeit von Daten, wenn es um Web-Services wie Online-Shopping gehe. Darauf wollten zwar weder der Bundesinnenminister noch der BKA-Präsident Zugriff haben. Aber weshalb diese Großzügigkeit im Zum-Verfügung-Stellen persönlicher Daten für Privatfirmen gelte, jedoch eine große Skepsis herrsche, wenn „wir den Provider sagen, ihr sollt ja nur die Verbindungsdaten speichern“, habe er „intellektuell und psychologisch“ nicht verstanden, so de Maizière, der dafür spontanen Applaus erntete. Sicher habe er verstanden, dass es ein großes Symbolthema geworden sei; um zu einem vernünftigen Ergebnis zu kommen – das ginge nicht mit „großem Geschrei“ – leiste er momentan Überzeugungsarbeit.

Der zweite Hauptblock der Sicherheitsgespräche nach den Einzelvorträgen bestand aus einer Podiumsdiskussion, moderiert von dem Werner Sonne, ARD-TV-Korrespondent im Ruhestand. Auf der einen Seite versammelte diese Harald Range, Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof, den Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz Dr. Hans-Georg Maaßen, Holger Münch, seit 1. Dezember 2014 Präsident des Bundeskriminalamtes, sowie MdB Stephan Maier, Innenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Auf der anderen Seite saßen Islamwissenschaftlerin Schirrmacher, Mayzek vom Zentralrat der Muslime in Deutschland und Dr. Patrick Schmidtke, als Referatsleiter im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zuständig für die Beratungsstelle Radikalisierung.

Qulle: BdK

Thema war u.a. die Be- oder gar Überlastung von Behörden angesichts der gestiegenen Zahl von Radikalislamisten und vor allem der zurückkehrenden Syrienkämpfer. Laut Range gäbe es aktuell 66 laufenden Verfahren mit mehr als hundert Beschuldigten – gegenüber nur vier Verfahren mit acht Beschuldigten noch vor einem Jahr. Angesichts eines solchen Ermittlungsanstieges stelle sich schon die Ressourcenfrage. Allerdings habe es auch schon Personalverstärkung gegeben. Auch BfV-Chef Maaßen gab zu, dass die Verfassungsschutzbehörden nicht auf die Zahlen der mittlerweile zu Beobachtenden ausgelegt seien. Zudem hätte es in den letzten Jahren immer wieder neue Schwerpunkte gegeben, die eine Umorientierung des Personal und der Stellen nötig machte: Während jetzt Islamismus und Syrienheimkehrer im Zentrum stünden, war dies zuvor die Spionageabwehr und der geforderte 360-Grand-Blick im Zuge des NSA-Affäre, davor der Rechtsradikalismus und die NSU. Dem begegne man mit der Umverteilung von Prioritäten. Der Bundestagsabgeordnete Mayer, angesprochen auf die Unterstützungspflicht des Bundes, zeigte sich besorgt über den Rückgang von 15.000 Polizeistellen seit dem Jahr 2000 - dies allerdings auf Länderebene. Dort hätten sich einige in den letzten Jahren „einen schlanken Fuß“ gemacht, und es könne nicht die Aufgabe des Bundes sein, diese Defizite auszugleichen.

Was die aktuelle Terrorgefahrenlage für Deutschland und andere europäische Staaten angehe, so BfV-Chef Maaßen, gäbe es nach geheimdienstlichen Erkenntnissen seit 2013 ein gestiegenes „Grundrauschen“: es werde in Deutschland wie in Syrien oder im Irak in der  Szene viel darüber diskutiert, etwas zu „unternehmen“. Konkrete Erkenntnisse zu Plänen lägen aber nicht vor. Auf die Brutalität von Jihadisten-Propagandavideos im Internet angesprochen, bestätigte er eine gewisse Attraktivität der extremen Gewaltdarstellungen. Die Clips würden teilweise bejubelt, konsumiert, verlinkt – man nehme sie wahr. Diese abgefilmte Brutalität sei allerdings nicht „sinnfrei“, sondern werde als militärisches Mittel verwendet, um Furcht beim Gegner zu erzeugen. Maaßen erinnerte an die Einnahme von Mosul trotz militärischer Unterlegenheit des „Islamischen Staates“, was eine bestimmte Tradition in der Geschichte der islamischen Eroberungen habe. Generalbundesanwalt Range bestätigte: Brutalität sei attraktiv; Rückkehrer aus dem Krieg würden nicht zuletzt in diesem Zusammenhang als Helden gefeiert.

Wie aber kann gegen – künftige – Gotteskrieger vorgegangen oder in solchen Fällen geholfen werden? Schmidtke verwies hinsichtlich seiner Beratungsstelle darauf, dass diese keine Aussteigerhilfe sei, sondern ein Angebot für Angehörige oder das soziale Umfeld (vermeintlich) Radikalisierter. Enorm viel wäre es schon wert, Eltern zu beruhigen und aufzuklären, denn nicht jede religiöse Konversion sei gleich eine Radikalisierung. Sei die betroffene Person schon in den Extremismus abgedriftet, böte eine von vier zivilgesellschaftlichen Partnerstellen systemorientierte Familienbetreuung. Kontakt zu islamischen Organisationen bestünde bereits, auch gäbe es Anfragen aus einzelnen Moscheen. Die Zusammenarbeit sei aber noch auszubauen. Gerade was das Engagement von muslimischer Seite anbelangt, verwies Islamwissenschaftlerin Schirrmacher auf die Relevanz von Jugendarbeit nicht zuletzt in religiösen Einrichtungen, vor allem jedoch auf die große Bedeutung wie leider den noch bestehenden dortigen Mangel an Identitätsvorbildern, die mit beiden Beinen im Rechtsstaat den Brückenschlag zwischen Migrationshintergrund und Angekommen-Sein in der deutschen Gesellschaft positiv verkörperten.

Neben den interessanten Auskünften und erhellenden Standpunkten fiel bei der Podiumsdiskussion auf, wie sehr – rechts vom Publikum aus gesehen mit Range, Maaßen, Münch und Maier die harten „Praktiker“, die Theoretiker oder „weichen“ Diskutanten links – nicht nur von der Sitzordnung demonstrativ getrennt positioniert, sondern wenig miteinander ins Gespräch kamen oder von Sonne ins Gespräch gebracht wurden. Ein Austausch über die „Grenzen“ hinweg entzündete sich allerdings über empirische Daten zu den Syrien-Ausreisenden, bezeichnenderweise in kontrastiver Form. Während basierend auf der Ende 2014 veröffentlichen Studie zu islamistischen Syrien-Reisenden [1] BKA-Chef Münch und BfV-Präsident Maßen konstatierten, die Mehrzahl derjenigen, die aus Deutschland in den Jihad zögen, seien zuvor bereits kriminell geworden (beispielsweise die Personen der „Lohberger Gruppe“ aus Dinslaken, durch u.a. durch Tankstellenüberfälle und Drogenhandel auffällig wurden), gewann Schmidtke aus der Arbeit seiner Beratungsstelle ein „komplett anderes Bild“: 93 % der Radikalisierten seien zuvor strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten. Das zeige, so, Schmidtke, wie heterogen die Radikalisierungslandschaft in Deutschland sei.

Für stärker disziplinübergreifende und perspektiverweiternde Gespräche stand allerdings in besonderem Maße die sich am Folgetag anschließende gemeinsame Fachtagung des BdK und seiner Kripo-Akademie und des Netzwerk Terrorismusforschung e.V. (NTF) in Kooperation mit der Konrad Adenauer Stiftung e.V. (KAS). In der KAS-Akademie in der Tiergartenstraße fanden sich an 5. Februar über dreißig Besucher – neben Wissenschaftlern und anderen Fachinteressierten vor allem Vertreter von Polizei- und Sicherheitsbehörden – ein, um sich über die Berufsgrenzen hinweg auszutauschen und neue Ideen und Input zu erhalten. Nach der einführenden Begrüßung durch Christian Schleicher, stellv. KAS-Akademieleiter, BdK-Chef André Schulz und dem durch die Tagung leitendenden NTF-Vorstandsvorsitzenden Dr. Stephan G. Humer ging es in sieben Vorträgen mitsamt sich anschließenden Diskussionsrunden um „Interdisziplinäre Herausforderungen des Terrorismus“. So vollgepackt das Tagesprogramm war, ließen doch vor allem die Vielfältigkeit und der Abwechslungsreichtum der Themen und ihrer Reihenfolge keine Müdigkeit aufkommen.
Einer von Deutschlands prominentesten Islamismusexperten, Dr. Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik des Deutschen Institut für Internationale Sicherheit und Politik, eröffnete mit dem Vortrag „Al-Qaidas deutsche Kämpfer: Die Globalisierung des islamistischen Terrorismus“. Die Zahl der ins Konflikt- und Kriegsgebiete ausreisenden Islamisten sei spektakulär angestiegen in letzten drei Jahren. Weshalb Deutschland dahingehend so spät, dafür mit derartigen Steigerungsraten auftrete, versuchte Steinbach zu (er-)klären und verwies auf u.a. auf die Globalisierung bzw. Internationalisierung als Schlüsselpunkt.

G. Steinberg (Foto: R. R. Jaeger)

Was damit genau gemeint sei, zeige sich an den „beiden“ „Hamburger Zellen“. Die erste Zelle der Attentäter des 11. September 2001 um Mohammed Atta, Marwan Al-Shehhi und Ziad Jarrah, sei primär arabisch und von ihrem Umfeld her nordafrikanisch geprägt, was zu dieser Zeit der al-Qaida-Struktur entsprochen habe. Die (begrifflich so nicht etablierte) zweite „Hamburger Zelle“, eine Gruppe junger Leute, die 2009 nach Pakistan v.a. zur dort agierenden Islamischen Bewegung Usbekistan ausreisten, habe hingegen keinerlei gemeinsames ethno-nationales Profil mehr aufgewiesen. Internationalisierung bedeute also nicht zuletzt eine islamistische Szene, die immer mehr Menschen unterschiedlicher Herkunft anspräche und zusammenführe. Ursächlich dafür seien militärische Interventionen in der islamischen Welt, dahingehend auch die mobilisierende Eskalation des Aufstands in Afghanistan 2006 und, in geringerem Maße, Äthiopiens Eingreifen in Somalia im selben Jahr.

Außerdem führte Steinberg die Verbreitung einer Ideologie an, die mittlerweile unter dem Begriff Salafismus bekannt sei. In deren Spektrum seien Jihadisten sozialisiert. Die aktuelle Attraktivität Syriens als Ausreiseziel liege wiederum an der verhältnismäßig einfachen und günstigen Erreichbarkeit und den Möglichkeiten, dort Zugang zu den gesuchten Gruppierungen zu finden. Einen wichtigen „Pull-Faktor“ stelle vor allem der „Islamische Staat“ dar, der die für Salafisten ungeheuer attraktive Verheißung biete, in einem Staat nach dem klassischen Vorbild des Prophetentums zu leben. Da aber der IS aktuell darauf ausgerichtet sei, die eigene Position in Syrien und Irak zu halten und, Richtung Jordanien und Libyien, auszubauen, ging davon weniger terroristische Gefahr aus als von al-Qaida. Das zeige auch die Welle deutscher IS-Selbstmordattentate seit Juli 2014. Hätte der IS tatsächlich ein strategisches Interesse daran, Deutschland anzugreifen, so relativierte Steinberg die Gefahr der Syrien-Rückkehrer, hätte man diese hierzulande eingesetzt. Allerdings könnte auch der terroristische Konkurrenzdruck dazu führen, dass man künftig Anschläge taktisch gezielt in Europa von IS-Seite plane.

Im zweiten Vortrag stellte Dr. Uwe Kemmesies als deren Leiter die Arbeit der Forschungsstelle Terrorismus/Extremismus (FTE), einer Abteilung des Kriminalistischen Instituts des Wiesbadener Bundeskriminalamts, vor. „Terrorismusforschung am Bundeskriminalamt“ bedeute, die phänomenologische Vielfalt von Terrorismus zu reflektieren. Weshalb die Forschung am BKA nötig sei, erklärte Kemmesies anhand eines „analytischen Paradoxes“: Während Sicherheitsbehörden exklusiven Zugang zu höchst relevanten Daten hätten, nur leider nicht das wissenschaftliche Know-how für deren Auswertung über das Kerngeschäft hinaus, stünden im akademischen Bereich die Expertise zur Verfügung, der wiederum das empirische Material fehle. Etwa für die Entwicklung von Erkenntnissen und Maßnahmen zur Prävention sei das Ziel also ein Brückenschlag, die Synchronisierung und der Wissensaustausch zwischen polizeiexterner und -interner Befassung mit Terrorismus und Extremismus.

Terrorismus definierte Kemmesies dabei als „Ausdruck mangelhaft geregelter gesellschaftlicher Konflikte“ und zwar dergestalt, dass Individuen davon angesprochen und motiviert würden. Das theoretische Modell, das dies abbilde und folglich der Arbeit der FTE zugrundeliege, beziehe drei Bezugsgrößen ein: die Personen / Akteure, die Ideologie (samt ideengeschichtlichem Hintergrund) sowie das kulturelle wie konkret gesellschaftliche Umfeld, aus dem Terrorismus erwächst. Alle drei Aspekte seien wichtig in den Blick zu nehmen, allein aber nicht hinreichend: Schließlich gebe es keine prädisponierende Terrorismus-Persönlichkeitsstruktur; Ideologie sei wirkmächtig, doch offen bleibe, warum nicht mehr Personen davon angesprochen und radikalisiert würden. Und auch die Umfeldgröße sei eminent, gleichwohl gebe es etwa in rechtsaffinen Strukturen auch linke Kontra-Milieus. Folglich müsse das Phänomen aus unterschiedlichen Perspektiven multidisziplinär betrachtet werden. Das bedeute auch, sich auf die Sichtweise der Akteure selbst einzulassen, selbst wenn diese ent- bzw. verrückt erscheinen. Doch sie hätten nun mal „Wirklichkeitskonstruktionen im Kopf“, die sie handeln ließen. Als qualitativ orientierter Sozialwissenschaftler verwies Kemmesies auf das Thomas-Theorem: Wenn etwas als real definiert werde, würde es auch real in den Konsequenzen.

So plädierte Kemmesies für Methodentriangulation und den Einsatz qualitativer Methoden bei allem Umgang mit quantitativen empirischen Daten, zumal Terrorismus ein Dunkelfeld sei. In puncto Wissenschaftsethik verwies er auf die Werturteilsfreiheit: „das beschreiben, was wir sehen, nicht das, was wir sehen wollen“, analog zur Beweissuche für die Schuld von Verdächtigen im polizeilichen Alltag, in der es gelte, auch nach Tatentlastendem zu suchen. Kemmesies betonte, dass die BKA-Forschungsstelle keine Legitimationsforschung betreibe, also nicht dazu da sei, politisches Wollen zu legitimieren. Das heiße auch, dass – wenn auch unter Berücksichtigung etwa noch laufender Verfahren und deren Anforderungen – alle Forschungserkenntnisse veröffentlicht würden. Als Beispiel dafür nannte er die Untersuchung „Propaganda 2.0 Psychological Effects of Right-Wing andIslamic Extremist Internet Videos“, die unter Leitung von Gary Bente, Professor für Medien- und Kommunikationspsychologie in Köln, entstanden sei. Anregungen aus dem Publikum, dass derartige Ergebnisse und Kenntnisse der FTE noch stärker in alltagstauglicher (Übersichts-)Form, etwa über den BKA-Newsletter, in Kreisen der Polizei bekannt gemacht werden müssten, griff Kemmesies gerne auf.

Als Forschungslücken bzw. Desiderate nannte er Vergleiche zwischen verschiedenen „Extremismen“ sowie Untersuchungen zu Verlaufsformen, also über die Zeit hinweg: Was etwa unterscheide die aktuelle Generation der „foreign fighters“ von den Frühausreisenden ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet? Zudem müsse generell verstärkt statt nur über Risiko- auch über protektive Faktoren nachgedacht werden: was schütze Personen vor dem Abgleiten in „deviante Karrieren“? Außerdem gelte es, die Wechselwirkungen zwischen den extremistischen Strömungen in den Blick zu nehmen, zu evaluieren, was im präventiven wie repressiven Bereich getan werde und „mögliche Effekte antagonistischer Kooperation“ zu untersuchen: Inwiefern etwa profitieren Sicherheitskreise und die Medien von Terrorismus – aber auch die Wissenschaft, die auf den „Bedrohungswagen“ aufspringe, nolens volens etwa um Drittmittel einzuwerben?

Hazim Fouad, Islamologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bremer Landesamtes für Verfassungsschutz („dem kleinsten Geheimdienst der Welt“) widmete sich in seinem Vortrag
„Islamismus – Dimensionen der Bedrohung aus der Sicht des Verfassungsschutzes“ nicht nur dem Terrorismus, sondern erweiterte den Blick auch auf die Grenzzonen des Jihadismus. Wichtig bei Grundsatzvorträgen sei die Unterscheidung: Salafisten machten nur einen kleinen Teil der muslimischen Gemeinschaft aus, gewaltbereite Jihadisten nur einen Bruchteil der Salafisten. Man könne aber Islamismus nicht wirklich erklären, greife man nicht auch die Islamfeindschaft mit auf. Das Aufzeigen struktureller Ähnlichkeiten machte da einiges klarer.

Fouad gab Einblicke in das Spektrum der nicht-gewaltbereiten, legalistischen Islamisten-Gruppierungen (darunter die Islamische Gemeinschaft Deutschland sowie die türkischstämmige Millî Görüş, in Deutschland repräsentiert durch die IGMG - Islamische Gesellschaft Millî Görüş) und ging auf die Herausforderungen ein, verschiedene Strömungen auch innerhalb derartiger Gruppierungen im Blick zu behalten sowie Veränderungen nachzuvollziehen. Schwierig sei es, Salafismus praxistauglich und rechtssicher zu definieren und zu beschreiben, um ihn darüber zum Gegenstand der sicherheitsbehördlichen Beobachtung zu machen. Diskutiert wurde in diesem Zusammenhang das Problem der Geheimdienstarbeit, mit dieser gemäßigte Teile in islamischen Gruppen, die ein Gegengewicht zu Fundamentalisten und Radikalen bilden können, potenziell zu verschrecken und aus der Organisationsarbeit zu vertreiben, die es eigentlich zu stärken gelte.

Journalist, Buchautor und Afrika-Experte Marc Engelhardt referierte in seinem Vortrag mit dem Titel „Symbiose zwischen Terrorismus und Organisierter Kriminalität: Heiliger Krieg – heiliger Profit“ zur Situation in Nigeria unter der Bedrohung von Boko Haram. Während hierzulande noch die ideologische Motivation hinter den Untaten der Islamisten-Miliz dominant fokussiert werden, ging Engelhardt differenzierter auf die realen Verhältnisse in dem Krisenstaat ein, in dem Boko Haram gute Kontakte zu korrupten, kleptokratischen und nepotistischen Politikern unterhielten oder gar ein in gewissem Maße ordnendes Gegengewicht zu diesen darstelle. Für junge Männer böte die Gruppe mit dem besoldeten Waffendienst  oft den einzigen Ausweg aus desolaten wirtschaftlichen und mithin sozialen Verhältnissen, in denen z.B. keine Heirat ohne Mitgift möglich sei. Auch die international Aufsehen erregende Verschleppung von über 200 Schülerinnen im Frühjahr 2014 sei zwar vom Ausmaß, nicht aber von der Art her besonders, insofern solche und andere Formen von Entführungen schlicht ein einkömmliches Geschäftsmodell seien, welches nun politisiert wird. Diverse Formen der politischen Einwirkung vor allem von westlicher Seite wirkten eher negativ bis kontraproduktiv.

Neben Eric van Um (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung), der angesichts und gegenüber klassischer Modelle des Terrorismus und des Guerilla-Kampfes in seinen Vortrag „Terrorismusverständnis im Wandel: Der Islamistische Staat“ den IS begrifflich wie konzeptionell einzuordnen suchte und dabei auf historische Vorläufer wie v.a. die tamilischen Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) verwies, sowie Alexander Theus von Europols Counter-Terrorism Group, der den EU Terrorism Situation and Trend Report sowie die herausforderungsvolle Arbeit daran vorstellte, referierte Natalie Paton (Laboratoire d'Études et de Recherches Appliquées en Sciences Sociales der Universität Toulouse) über „School Shooting“, also Amokläufe an Schulen, und deren „Mediatization of violence“ (Vortragsuntertitel: „From martyr models to individuation for the marginalized“).

N. Paton (Foto: Rolf Rainer Jaeger)

Dabei präsentierte sie Forschungserkenntnisse zur Web-2.0-Nutzung der Täter sowie der Social-Media-Reaktionen auf Tat und Täter (bis hin zu deren Glorifizierung). Zentral für Partons Arbeit ist der entwicklungspsychologische und soziologische Begriff der Individuation. Im Ergebnis können u.a. „School Shootings“ teilweise erklärt werden „by the paradoxes and contradictions of contemporary injunctions to individuation”, wobei sich Gewalt als Prozess der Subjektkonsitution und als Form des Empowerments begreifen ließe. Digitale Subkulturen repräsentierten in diesem Zusammenhang Unterstützung des Selbstwerdungsprozesses. (Siehe zu dem Thema auch Patons online frei verfügbares Paper „Media Participation of School Shooters and their Fans: NavigatingBetween Self-Distinction and Imitation to achieve Individuation“.)

Da Paton zahlreiche Parallelen zwischen Schulattentätern und Terroristen präsentierte – vorrangig in medialer Hinsicht, aber auch bezüglich des inhaltlichen „Nachlasses“ der Attentäter –, war dieser Vortrag eine gelungene Horizonterweiterung und sorgte so wie die anderen für einen angeregte Austausch. Der NTF-Vorsitzende Stephan G. Humer dankte zum Abschluss der Referentin und den Referenten für ihre Präsentationen und allen Anwesenden für die „gleichermaßen intensiven wie vielversprechenden Diskussionen“, die letztlich ebenso wie die Verabredung zur verstärkten Zusammenarbeit Ziel dieser Veranstaltung gewesen seien. Es sei in Zeiten zunehmend komplexerer Phänomene wichtiger denn je, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsam intelligente Lösungen zu entwickeln, so Humer, der dabei den Berliner Historiker Heinrich August Winkler zitierte und so sehr deutlich für kollektive Proaktivität in Sachen Terrorismusforschung und -bekämpfung warb: Es ist ein geistiges Armutszeugnis, wenn die westlichen Demokratien immer nur aufgrund äußerer Drohungen anfangen, über ihre Grundlagen nachzudenken.“ Dieser zweite Tag der Berliner Sicherheitsgespräche erweise sich nun, so Humer, als erfolgreiche Erweiterung der seit Jahren fest in der deutschen Sicherheitslandschaft etablierten BdK-Gesprächsrunde und sei „hoffentlich der Beginn einer langen Serie von gemeinsamen Veranstaltungen“.


[1] Die zwischen März und November 2014 durchgeführte Untersuchung des BfV, des Hessischen Informations- und Kompetenzzentrums gegen Extremismus und der Forschungsstelle Terrorismus/Extremismus im BKA gibt in ihrer Auswertung Auskunft zu Radikalisierungshintergründen und -verläufen von insgesamt 378 Personen, die bis Ende Juni 2014 aus islamistischer Motivation aus Deutschland in Richtung Syrien ausgereist sind.

Siehe dazu auch den Beitrag HIER.

(zyw)

19.02.2015

"Die Hälfte der deutschen IS-Jihadisten sind Studenten" - Zu den statistischen Erkenntnissen über die Syrien-Ausreisenden und der Begrenztheit ihrer Aussagekraft


Mit Statistiken ist das so eine Sache - vor allem in den Medien, aber nicht nur da. Bei den 9. Berliner Sicherheitsgesprächen (4. Februar 2015 - Bericht dazu hier demnächst) wiesen auf der hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion Chef des Bundeskriminalamtes (BKA) Holger Münch und Dr. Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), auf die hohe Kriminalitätsrate unter den aus Deutschland nach Syrien ausgereisten Islamisten hin. Dem entgegnete Dr. Patrick Schmidtke, seines Zeichens Referatsleiter im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und mithin zuständig für die Beratungsstelle Radikalisierung: Deren Erfahrung nach wären in über 90 % die betreffenden Personen nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten.

Bild: David Corral-Abad - CC BY-NC-ND 2.0

Was die Validität dieser unterschiedlichen Ansichten anbelangt, schien die Sache klar. In Schmidtkes Fall hing es um eine empirisch nicht so sehr abgesicherte Einschätzung, die allein schon deshalb in ihrer Aussagekraft eingeschränkt war, weil es sich bei ihm um Fälle handelt, bei denen Angehörige oder sonstige Personen wegen der befürchteten Radikalisierung eines Nahestehenden sich melden und um Rat fragen. Maaßen und Münch hingegen beriefen sich auf eine ordentliche Untersuchung, eine, die auch in den Medien gerne zitiert wurde, liefert sie doch Ende vergangenen Jahres erstmals so recht mit Zahlen unterfütterte Informationen zu jenen "Verblendeten", die sich, gefühlt, alle der Mörderbande namens "Islamischer Staat" anschlossen.

Zu rund vierhundert, genauer: 378 Fälle wurden Daten erhoben, Stichtag war der 30. Juni 2014, und auch wenn bis Dezember die Zahlen um ca. 45 % gestiegen waren, verhieß die Auswertung aufregende Einblicke in die Gruppe dieser unheimlichen Gesellen, die womöglich das eine oder andere Klischee bestätigte. Auf Zeit Online erschien denn auch am 11. September 2014 ein Bericht, der einige Analyse-Ergebnisse präsentierte. Wie so oft - oder so schnell - in der (auch WWW-)-Presse wurde hier allerdings statistisch nicht sauber berichtet. Wobei überhaupt die Zahlen teilweise mit Vorsicht zu genießen sind.

Stutzig macht schon mal, dass es in dem Zeit-Online-Beitrag heißt: "Laut der Studie, aus der unter anderem die Berliner Morgenpost zitiert [...]", was darauf hindeutet, dass die Ergebnisse selbst der Zeit-Online-Verfasserin selbst nicht vorgelegen hat. Tatsächlich finden sich auch sonst im Netz wenn es um diese empirische Erkenntnisse geht, häufig nur der Verweis auf die Berliner Morgenpost, ein zitieren aus zweiter Hand.

Wie sieht es jedoch mit der Untersuchung bzw. der Auswertung selbst aus?

Analyse der den deutschen Sicherheitsbehörden vorliegenden Informationen über die Radikalisierungshintergründe und -verläufe der Personen, die aus islamistischer Motivation aus Deutschland in Richtung Syrien ausgereist sind - so lautet der Titel. Es ist eine gemeinsame Auswertung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), das BKA und das Hessische Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus (HKE). Letzteres ist dem Hessischen Ministerium des Inneren und für Sport unterstellt und gibt gerade mal mit einer einseitigen Zahlen-Daten-Fakten-Meldung allgemein Auskunft zu den Syrienreisenden (Stand "Januar 2015"). Zu der gemeinsamen Islamisten-Analyse findet sich auf der Website des HKE nichts, seltsamerweise ebensowenig auf der der beiden anderen Partner, der des BfV und des BKA. Gelten die Zahlen als bereits zu veraltet? Auch in den Online-Pressemeldungsarchiv der Institutionen: kein Hinweis.

Fündig wird man immerhin auf der Website des ehemaligen Pädagogisch Theologischen Institut (PTI) Kassel (seit dem 1. Januar mit dem RPI, dem Religionspädagogischen Institut zusammengegangen) und zwar konkret HIER. Mit Stand 1. Dezember 2014 werden auf 32 Seiten über "Radikalisierungshintergründe und -verläufe der bundesweit insgesamt 378 Personen" informiert. Wobei die Autoren selbst die Datengrundlage relativieren: "Die Informationsdichte variiert von Fall zu Fall erheblich. Zu vielen Fällen liegen lediglich Informationen zu soziodemographischen Standarddaten vor [...]", heißt es auf Seite 5. Das bedeutet, dass zwar für allgemeine Aussagen wie Alter oder Geschlecht zu allen Personen Informationen vorlagen, nicht jedoch etwa zu der Radikalisierungsgeschwindigkeit - oder eben dem Bildungsweg. Die Verfasser sind vorsichtig und selbstkritisch mit ihre Datengrundlage, verweisen auf die eingeschränkte Aussagekraft - eine gebotene Differenziertheit, die allerdings im "Stille-Post"-Spiel, dem Verlangen nach einfachen, knackigen Infohappen und den Verknappungsbedingungen der Berichterstattung fast unvermeidlich verlorengeht. Wenn nicht gar ganz falsch gelesen wird.

Betrachten wir konkret den Punkt 3.1.7: "Schule, Ausbildung, Studium und Beruf" (S. 11 f.). Auf Zeit Online heißt es dazu, nach dem einführenden, unrelativierten Verweis darauf, dass dem "Bericht Daten sämtlicher Länderpolizeien und Verfassungsschutzbehörden zu 378 Ausgereisten zugrunde" läge: "Ein Viertel der untersuchten Menschen besuchte unmittelbar vor der Ausreise eine Schule." Und:

"Nur 26 Prozent hatten einen Schulabschluss. Eine Ausbildung brachten sechs Prozent zu Ende, ein Studium zwei Prozent. Eine Beschäftigung hatten nur zwölf Prozent, die meisten als Geringqualifizierte mit einem Job im Niedriglohnsektor. 20 Prozent der untersuchten Personen waren zum Zeitpunkt der Ausreise arbeitslos."

Das allerdings liest sich in der Auswertung anders, nicht zuletzt, weil überhaupt lediglich zu 116 der 378 Personen Angaben zum Schulabschluss vorlagen (S. 11). Was nun partout nicht heißt oder zu dem Schluss berechtigt, der gesamte Rest hätte damit KEINEN Abschluss. HKE, BKA und BfV schreiben:

"Von [den 116] haben 41 einen Gymnasial- (35%) und 31 einen Realschulabschluss (27%). Betrachten wir diese Werte im Spiegel der Angaben zum Bildungsstand der Gesamtbevölkerung der relevanten Altersgruppe '15-35-Jährige', ergibt sich ein insgesamt etwas niedrigeres Bildungsniveau (die jeweiligen Vergleichswerte lauten 43% und 35%; Statistisches Jahrbuch 2014 - Statistisches
Bundesamt 2014, 78)
". Außerdem sei bekannt, dass 73 Personen "zu/unmittelbar vor ihrer Ausreise eine Schule besuchten", 21 davon ein Gymnasium.

Weiterhin heißt es:
"Von 46 Ausgereisten ist bekannt, dass sie eine Ausbildung begonnen hatten, 23 von ihnen (50%) haben sie auch abgeschlossen.

Von 43 Ausgereisten ist bekannt, dass sie ein Studium aufgenommen hatten, acht von ihnen (19%) haben ihr Studium auch abgeschlossen.


Von 82 Personen ist bekannt, dass sie vor ihrer Ausreise arbeitslos waren. Von lediglich 46 Personen ist bekannt, dass sie vor/bis zu ihrer Ausreise berufstätig waren.


Die bekannten beruflichen Tätigkeiten sind ganz überwiegend dem gering-qualifizierten Sektor und damit dem Niedriglohnbereich zuzuordnen.
"

So unübersichtlich die Ergebnisübersicht ist bzw. sich die Mengen überschneiden (wieviele Azubis haben welchen Schulabschluss?) und unvollständig bleiben, sind ihnen gegenüber die des Zeit-Beitrags - womöglich übernommen aus anderer Quelle (vielleicht der Berliner Morgenpost?) - nachgerade eine (Fehl-)Auslegung, irreführend oder gar schlicht falsch. Zudem wird über die zweimalige Verwendung des Begriffs "nur" klar gewertet. Ebenso gut (oder schlecht) ließe sich aus dem Zahlen die Schlagzeile "Fast so viele Studenten wie Auszubildenden unter Deutschlands Jihadisten" konstruieren (inklusive "NUR 20 Prozent der untersuchten Personen waren zum Zeitpunkt der Ausreise arbeitslos." Wobei die "20 Prozent" selbst wieder bestenfalls fragwürdig sind).

Das bedeutet jetzt freilich nicht, dass Jihad-Touristen und -Auswanderer im statistischen Mittel KEINE Bildungs-, vor allem aber Berufsversager sind. Es heißt nur, dass sich keine ernsthaften Aussagen aus der so vorliegenden Analyse ableiten lassen, wie es Zeit Online oder sonst wer getan hat.

Dieses Beispiel ist nun nicht nur so bemerkenswert, weil er einen kognitiven, heuristischen Fehlschluss (fallacy) veranschaulicht, bei dem die verfügbaren Informationen absolut gesetzt bzw. als verkleinerter, maßstabsgetreuer Ausschnitt aus der Gesamtheit des potenziellen Wissens, der Realität herangezogen, gar womöglich wahrgenommen werden. Dies spräche für das dringende, fast verzweifelte Bedürfnis nach Erklärung von/zu dem emotionalisierenden Themenkomplex Salafismus, Home-Grown-Terrorismus und "Islamischer Staat" (samt dessen Attraktionspotenzial trotz verbreiteter Grausamkeiten). Zudem verweist es auf (belegt aber freilich nicht:) einen "Confirmation Bias", der eine bestimmte, diskursiv verfestigte, ideologisch untermauerte und politisch relevante Ausdeutungsart von Syrienreisenden, ihren Motiven, biografischen Dispositionen und Charaktereigenschaften unbedingt "wahr"-haben will.  

Jihadisten als vor allem junge, orientierungslose, abgehängte, marginalisierte (und daher:) Straftäter - das pflegt das sozialdramatische Bild eines allgemeinen Gesellschafts- und Wirtschaftsopfers, dem aber auf diesem Level auch emotional und kollektivpsychologisch "einfach" zu helfen ist und das man in seiner Unverständigkeit wieder versteht. Die Globalisierung, die moderne Medien- und Kommunikationskultur tun in diesem Vorstellungsmodell als Faktoren wie Buhmänner ihr Übriges (wobei das Internat bei der Radikalisierung auch nach der Untersuchung nicht in der Rolle bestätigt wird, die ihm bisweilen zugesprochen wird - gerade was die Geschwindigkeit des Prozesses anbelangt).  

Haben nun Maßen und Münch von BfV und BKA Recht, was die Kriminalitätsquote anbelangt? Zu 249 Ausgereisten liegen Informationen dahingehend vor, 117 davon haben vor Beginn der Radikalisierung Straftaten begangen. Das sind keine 50 %,. Und ab welchem Moment die Radikalisierung genau einsetzt, dass man klar in ein "Vor" und "Nach" seines Beginns einteilen kann, erläutert die vorliegende Auswertung nicht.

zyw


18.01.2015

Zu Besuch bei den Terroristen - Zur IS-(Meta-)Reportage von Todenhöfer u. RTL


Jürgen Todenhöfer hat den "Islamischen Staat" besucht, was RTL eine Nachtjournal-Spezial-Sendung wert war. Aufsehenerregend schon vorab, die Bilder, die Einschätzungen, die der Autor, ehemalige Richter und CDU-Bundestagsabgeordnete, von der "Normalität" im irakischen Mossul mitgebracht hat. Ein Coup für RTL, ein Husarenstreich Todenhöfers.


Medienjournalist und -kritiker Stefan Niggemeier auf seinem Blog wendet dagegen ein:

"Mag ja sein, dass Todenhöfer tatsächlich den Eindruck hatte, dass es in Mossul ganz heiter ist. Dass dies aber bloß eine geschickte Illusion ist, zeigt sich doch schon im Interview mit dem Überläufer, bei dem vier schwer bewaffnete IS-Kämpfer mit Sturmhauben permanent ringsum stehen. So normal ist das da in Mossul."

Und, was Todenhöfers Gespräch mit dem Solinger Jihadisten anbelangt:

"Natürlich ist es interessant, wie diese Typen ticken, die aus Deutschland nach Syrien oder den Irak gegangen sind, um sich dem IS anzuschließen, aber darüber, über den persönlichen Antrieb, erfährt man bei Todenhöfer nichts. Und was im Kopf der Terroristen vor sich geht (Alle umbringen!), kann man sich inzwischen auch ganz gut selbst ausmalen. Doch bei RTL darf der Terrorist das alles noch mal verbreiten. Todenhöfer fragt, ob denn mit Anschlägen in Deutschland zu rechnen sei? Der Überläufer sagt, man müsse sich gefasst machen. Und Todenhöfer hakt nach: 'Größere Anschläge? Oder Anschläge von Einzelpersonen?' Da fehlte es nur noch, dass sie eine Deutschlandkarte auspacken und rote Kringel einzeichnen."

Aber natürlich können Todenhöfer und RTL kein Psychogramm von "Abu Qatadah" alias Christian Emde liefern. Das wollen sie nicht und es wäre auch vermessen. Und natürlich wüssten wir (und vor allem die Sicherheitskräfte) gerne etwas über Anschlagspläne, um sie zu vereiteln.

Auch ist die "Normalität" vor Ort keine nach unserem Verständnis. Sie muss aber wiederum nicht zwangsläufig gänzlich wirklichkeitsferne Fassade sein, hinter der die Einwohner Mossuls permanent in Furcht und Schrecken vor dem Terror der Radikalfundamentalisten dahinvegetieren. Ein Bild übrigens, das in westlichen Medien gerne zumindest angedeutet wird, was wiederum den Auslands-Oscar-nominierte französisch-mauretanische Spielfilm TIMBUKTU von Abderrahmane Sissako so wertvoll macht. Dieser setzt eben nicht, auch wenn es verschiedene Kritiken (etwa Oliver Kaever auf Spiegel-Online) so irreführend darstellen, dumme wie perfide Jihadisten in Mali gegen arme, unterdrückte Bevölkerung, letztere von ersteren immerzu schickaniert oder unmenschlich behandelt, auf dass man die Hände ringen und die Fäuste gen Himmel schütteln möchte.

TIMBUKTU

TIMBUKTU hat keinen Respekt vor den Anliegen und Methoden der Islamisten, aber er zeigt sie auch, wie sie selbst immerzu mit der Scharia-Auslegung ringen müssen, und in der Freundlichkeit, mit dem sie einen Verurteilten auf den Laster helfen, der ihn zur Hinrichtung fährt, steckt mehr Kritik und Unbehagliches, als sie jede (Selbst-)Karrikatur des rasenden Radikalen verbreiten kann. 

Zurück zu Todenhöfer und RTL. Dass sie dem IS eine Bühne bieten, ist nun ein altes Einwandsmodell, wenn es um das Verhältnis von Terrorismus und Medien geht. Fairerweise muss man denn auch den Aufbau der Sendung in Rechnung stellen: Todenhöfer selbst steht mit seiner Subjektivität im Mittelpunkt, wird befragt und somit zum Gegenstand. Das hat unweigerlich etwas Eitles, ist jedoch Versuch einer Distanzhaltung über den Ansatz einer Meta-Berichterstattung.

Dass Todenhöfer ein geschöntes Bild Mossuls vor Ort bereitet wurde, sollte jedem klar sein - und ist aufgrund der Unweigerlichkeit deshalb dem Bericht nachzusehen. Die Alternative wäre, gar keinen Einblick nicht nur nicht zu liefern, sondern rundheraus zu gestatten. Die Sondersendung ist aber gerade deshalb so spannend, weil sie zwischen einer (wie auch immer gestalteten und gelungenen "neutralen") Beobachtung einerseits und einer Propaganda-Aktion andererseits einen haltbaren Standpunkt finden und verschiedene (Selbst-)Inszenierungen vereinen möchte: die des IS mit seinem deutschen ad-hoc-Sprecher, die von Todenhöfer - und die von RTL, dem, wiewohl sich als "Nachrichtensender" seriös gerierend, an einem unheimlichen Monster-Regime gelegen ist. Einem Regime, dessen Unterdrückungs- bis Ausrottungsziele man in einer animierten Infografik nachgerade selbstparodistisch zusammenfasst und veranschaulicht (die Juden und die Christen hier, die Schiiten dort ein Kästchen).

So ertappt man sich als Zuschauer, durch all die Instrumentalisierungen der Sichtbarkeit das Barth'sche "Punktum" zu suchen in den Bildern aus einem Mossul, das ja kein Potemkinsches Dorf oder das Seahaven einer Truman-Show ist. Der Verkehr fließt im Hintergrund, Menschen gehen ihrem Alltagsgeschäft nach. Die vermummten, bewaffneten Aufpasser tun wiederum das Übrige, das ihre, wirken dabei paradox. Als präpotente Demonstration der der Stärke sind sie doch nur Ausweis der Machtlosigkeit, die es nicht mal gestattet, den Schein der Normalität die wenigen Meter vor dem Kameraobjektiv von Todenhöfers Sohn hinzubekommen. Vielleicht aber hat genau das Todenhöfer beabsichtigt und inszeniert, um sich selbst zwar kokett in einer Ausnahmesituation als wagemutiger Handlungsreisender in Sachen Wahrheit zu präsentieren. Jedoch zugleich auch die Irrealität der (eigenen) Situation auszustellen, die anders nicht hätte hintergangen werden können.

Es hinkt denn auch Niggemeiers Vergleich mit den jüngsten "Augenzeugen"-Videos des IS-Gefangenen, dem britischen Journalist John Cantlie, der nach Lend-my-your-Ears-Kommentaren aus dem Kellerloch sich ebenfalls in Mossul umschauen und sogar Motorrad fahren durfte. Dieses Video ist zwar ebenfalls alles andere als eine neutrale Berichterstattung, auch dieses rückt den Berichterstatter selbst in den Mittelpunkt. Nur schlägt durch die Aufnahmen, die den Eindruck vom Leben in der Stadt "korrigieren" wollen - dabei vielleicht tatsächlich im Einzelnen wahr sein mögen (Dauer der Stromversorgung?) - stets das Drama Cantlies durch, der auch schon in zwei Dabiq-Magazinen, der offiziellen Hochglanz-PDF-Postille des IS, zu Wort kam und die US- und UK-Regierung, durchaus profund, aber eben angesichts seiner Lage nicht diskutabel, kritisierte.


Man könnte Cantlie als trauriges Beispiel für das Stockholm-Syndrom abtun, aber das ist zu einfach. Sieht man Cantlie, liest in Dabiq die Worte und dazu Rukmini Callimachis Bericht in der New York Times über Umstände der Geiselhaft entführter Westler und der Verbitterung, nach Scheinexekutionen und Folter, zusehen zu müssen, wie Gefangene anderer Nationen aufgrund Lösegeldzahlungen ihrer Länder freigelassen wurden, während zusammen mit der US-amerikanischen die britische Regierung auf dem strikten Nicht-mit-Terroristen-Verhandeln beharrte - ja, vor diesem Hintergrund mag man Cantlie gerne echte seelentiefe Enttäuschung zugestehen. Eine, die dann vielleicht weniger an den IS heranrücken lässt, aber mit ihm den gleichen Gegner teilt. Eine, die zum verzweifelten Kalkül hinzukommt, sich für eine propagandistische Instrumentalisierung herzugeben, um das eigene Leben vor der Kamera für die IS-Extremisten wertvoller zur machen als den Tod. 

Vergleicht man aber dieses letzte Cantlie-Video und mit der RTL-Sondersendung, fällt nicht nur einmal mehr die formale Professionalität des "al-Hayat Media Center" auf, sondern auch, dass ausgerechnet die Propaganda der Jihadisten zumindest in der rahmenden Präsentation in puncto Aufmachung und Tonalität weniger reißerisch und fast glaubwürdiger daherkommt als die Sendung des Privatsenders RTL. In "From Inside Mosul" sieht man keine Wächter in Sturmhaube, im Gegenteil, großen Wert darauf gelegt, nicht nur eine Normalität auf ihrem Territorium zu vermitteln,  sondern ebenso eine Cantlies.

Wenn man also die RTL-Sendung (negativ und freilich gleichsam hinkendend) vergleichen will, dann mit Medyan Dairiehs VICE-Dokumentation aus dem syrischen Raqqa, die ein Scoop war, weil es die ersten "eigenen" Bilder aus dem Kalifat (und noch dazu aus dessen Hauptstadt) lieferten. So gierig oder zumindest bedürftig war man, dass eine Spiegel-Titelgeschichte 2014 fast nur aus der Informationen aus diesen VICE-Aufnahmen bestand. Hier fehlte der relativierende Dokumentierer als Instanz in und vor den Bildern eklatant, und die sonnige Hochglanzoptik, die glücklichen Kinder und beseelten Indoktrinatoren, all das unterschied sich inhaltlich und gestalterisch erschreckend wenig von dem, was der IS selbst herstellt und verbreitet.  

Man kann denn auch den Aufnahmen Todenhöfers das Spektakelhafte einer Reise ins Herz der Finsternis vorwerfen, die Gefahr und Täuschung immer schon miteinkalkuliert und zum nervenkitzeligen Reiz erklärt, nicht aber bloße, schöne Vermarktung im Einklang mit den Zielen des IS.

Allein schon die trockene Frage des Besuchers nach dem Status der Schiiten in der Ordnungsvorstellung des IS, "Abu Qatadahs" sachlich-schreckliche Selbstverständlichkeit (eine, mit der Angler oder Modeleisenbahner über ihre Hobbies Auskunft geben), dazu die Situation per se: all das vermittelt jenseits des Inhalts der Worte eine so bizarre wie grausige Erkenntnis, ein Zusatz-Wissen, wie sie über die Vorstellungen der blutrünstigen Fanatiker ebensowenig zu haben ist wie in der kühlen Lage- und Ideologiebschreibung erklärender Nahostexperten oder der Tagesschau. Die Banalität des Bösen kommt manchmal eben im Kostüm einer Realsatire daher, die man intuitiv in sarkastischen extra-3-Bildbearbeitungen wie der folgenden diffus intuitiv registrieren, der man aber so nicht wirklich zu ihrem wahren Ausdruck verhelfen kann:


Im "Original" verweist der mollige Islamist mit dem Flusenbart auf durchaus unbequeme (Nach-)Fragen Todenhöfers auf das (Todes-)Urteil des Islams, das über Abtrünnige (hier eben: Schiiten) verhängt sei. Spricht's, lächelt und wackelt bubenhaft von einem Bein aufs andere. Die Aufnahme wird harsch unterbrochen, zurück in Landhausstudio zu Todenhöfer und RTLs Christoph Lang. Das klänge sehr unreflektiert, so Lang, daher: "Ist IS ein Sammelbecken für radikale Dumme?" Todenhöfer überlegt, dann: "Das sind hochintellektuelle Leuten im Hintergrund und dass wäre so ähnlich, als ob Sie sagen würden 'Lenin sei ein dummer Mensch gewesen'. Es war ein gefährlicher Mann, weil die Ideen so gefährlich und so einfach und so brutal waren [...]." So seien auch die Ideen des IS.

Soll man lachen, soll man weinen? Sich aufregen, weil Todenhöfer Lenin mit Abu Bakr al-Baghdadi vergleicht (irgendwie)? Sich ängstigen, angesichts dessen, was Abu Blabla im Alltagsdeutsch da von sich gibt, leider mit vermummten Kalaschnikow-Trägern im Rücken? Oder den Kopf schütteln, weil ja eigentlich jeder ideologischer Standpunkt, der sich auf eine höhere Autorität beruft, "irgendwie unreflektiert" klingt? In diesem wenigen Sekunden wird das ganze heillose Problem unseres "westlichen", genauer: demokratischen, säkularen, medialisierten, selbstreflexiven und -referenziellen, ironie-verliebenten, wertrelativisistischen, diskurs-ethischen (gerne auch alles für Skeptiker nach Bedarf in Anführungszeichen zu setzen) (Non-)Verhältnisses zu extremistischen Jihadisten nackt auf den Punkt gebracht. Inklusive des harten Schnitts, der unmittelbar zur absichernden Analyse und mithin Distanzierung führen muss. Die Meta-Ebene als Rettungsfloß.  

Todenhöfer - auch das übersieht Niggemeier (oder verweigert sich dem Zynismus, was ihn wiederum adelt) - liefert nicht nur dem IS das Bild, dass dieser von sich in den westlichen Medien gerne sieht, sondern das er sich auch selbst verheißt: Gekommen, um zu bleiben. Es ist kein Übergangphänomen. Da helfen auch keine Bomben, so Todenhöfer sinngemäß.

Das freut auf der einen Seite die Medien - nicht nur RTL -, weil es die einträgliche Gefahr und Dämonie nachrichtenwertig bestätigt, zugleich unterläuft es sie, weil sie mit der kühlen "Normalität", die Todenhöfer mitbringt, doch stets nicht soviel anfangen können, um sie nicht ins Heiße des Ausnahmezustands drängen und verschieben zu wollen. Schon die abwertenden, stets das Schreckliche, das "Andere" des IS beschwörende Anmoderation, staunt eher über Todenhöfer und seinen Besuch beim Teufel, weshalb auch der Journalist als das eigentliche wundersame Phänomen der Sendung daherkommt: In diese gänzlich ferne Fremde, wohin die verlorenene Seelen (der Fundamentalisten und Konvertiten hierzulande und sonstwo) hingehen, das kann man doch gar nicht betreten, als einer von uns. So als Ausnahme-"Normaler".


Todenhöfers Reisebericht bzw. die Sondersendung "Wer uns nicht anerkennt, den werden wir töten" finden Sie HIER auf der Website von RTL.

zyw